Katrin Meyer - Bibi Blocksbergs Erbe
©MotoGP Magazin 11/06 „Hi, mein Name ist Hexe." Die kleine 14-Jährige ist pfiffig und forsch. Hexe heißt eigentlich Katrin Meyer. „Aber als ich meine erste Rennkombi bekam, musste ein kurzer Name drauf", erzählt sie. „Und Katrin war zu lang und ist außerdem stinklangweilig. Da sind wir auf Hexe gekommen. So kennen mich auch alle. Viele wissen gar nicht, dass ich Katrin heiße." Ihr „neuer" Name sei prägnant und außerdem passend, „denn manchmal kann ich ganz schön zickig sein".
Mit ihrem frechen Grinsen, den roten Haaren und den Sommersprossen wirkt die Gymnasiastin ein wenig wie Pippi Langstrumpf. Und sie ist mindestens so mutig. „Das Wort Verletzungen bekommt bei Katrin eine ganz andere Bedeutung", erzählt Mutter Bärbel. „Neulich hat sie sich montags mit der Brotmaschine fast den Finger abgeschnitten und musste ins Krankenhaus. Und samstags ist sie schon wieder Rennen gefahren, obwohl sie überhaupt kein Gefühl im Finger hatte."
Aber Katrin hat einen großen Traum: „Ich will in die WM", sagt sie bestimmend. Und seit diesem Jahr erscheint das gar nicht mehr so abwegig. Im ADAC-Junior-Cup fährt die 14-Jährige aus Marktaschendorf in Bayern in den Top Five mit, im Vorjahr war sie noch 16. „Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist", sagt sie schelmisch. „Auf einmal hat es klick gemacht." Was natürlich so nicht stimmt, denn Katrin hat hart gearbeitet. Es ist nicht nur ihr Talent, dass sie zur größten weiblichen Motorrad-Hoffnung seit Jahren macht. Sie trainiert fleißig, sie ist wissbegierig, hat technisches Verständnis und ist bereit, Opfer zu bringen. Kurzum, Hexe vereint alle Voraussetzungen einer großen Fahrerin in sich. „Wenn die anderen auf Partys gehen, bin ich bei Rennen. Und wenn sie ins Schwimmbad gehen, bin ich beim Fitnesstraining. Da gehört man dann irgendwie nicht so dazu", sagt sie, ohne traurig zu wirken.
„Motorradfahren ist mein Leben. Und dafür tue ich alles. Da will ich auf keinen Fall schludern." Auch dass sie bei der Schulleitung selten auf großes Verständnis stößt, bringt sie nicht wirklich aus dem Konzept, „obwohl es schade ist".
Mit drei saß Katrin erstmals auf einem' Motorrad, mit sechs fuhr sie schon Rennen. Mama Bärbel war zunächst dagegen und erfreute sich mehr an Katrins zweiter Leidenschaft, dem Ballet. Aber die Kleine hatte ja Papa Guido auf ihrer Seite. „Eines Tages kamen sie einfach und sagten, sie hätten ein Motorrad gekauft. Und Guido hat erzählt, er hätte sich einfach nicht wehren können", erzählt die Mama, heute Katrins größter Fan.
Die Renn-Wochenenden sind bei Meyers heute Familien-Ausflüge. Guido kümmert sich um die Motorräder, Bärbel ist die gute Seele und Katrins 13-jähriger Bruder Peter fährt ebenfalls im ADAC-Junior-Cup. Doch in diesem Jahr ist ihm Katrin plötzlich um Längen davongefahren. „Das ist nicht immer leicht für Peter", erzählt die Mama. „Es ist nie leicht für Jungs, wenn ein Mädel besser ist", sagt Katrin. „Aber eigentlich verstehen wir uns gut." Manchmal steht der Hausfrieden auch auf der Kippe. Wie in Oschersleben, als Katrin Peter überrundete. „Sie hat kurz abge wägt, man hat schon gemerkt, dass sie zögerte", erinnert sich Bärbel. „Aber dann bin ich doch vorbei", sagt Katrin. „Das gab ein bisschen Ärger. Aber ich kann nicht immer ewig diskutieren, wenn ich jemanden überrunde."
Auch Rückschläge verkraftet sie scheinbar locker. Als sie auf dem Sachsenring im Training nur Rang 18 belegte, kümmerte sie das wenig. „Ich bin auf dem Lausitzring beim Start von elf auf drei, im letzten Jahr einmal in einer Runde von 19 auf eins gefahren. Man kann aus jeder Startposition etwas machen", erzählt sie selbstsicher und wurde zumindest noch Zwölfte unter 47 Startern.
Am großen Durchbruch in diesem Jahr war vor allem ihr Teamchef Markus Haas beteiligt. Er überzeugte Katrin, auch Super-Moto zu fahren. „Das hat mir tierisch geholfen", sagt sie heute. „Das Bremsen ist komplett anders. Man kämpft mehr mit den anderen und kriegt so ein völlig anderes Gefühl."
Inzwischen ist Motorradfahren für Katrin nicht nur mehr Hobby und Spaß, nicht mehr nur Gas geben, mittlerweile hat sie es verstanden und verinnerlicht. „Sie erkennt inzwischen schon von selbst, woran es liegt, ob es klappt oder nicht. Und wenn ihr jemand was erklärt, kann sie das sofort umsetzen", berichtet die Mutter. Der Vergleich als „neue Katja Poensgen" liegt auf der Hand und er stört Katrin auch nicht. Im Gegenteil. „Natürlich ist Katja ein Vorbild für mich", sagt Hexe. „Sie hat den Junior-Cup gewonnen. Und sie war schneller als viele Männer. Ich bewundere sie schon."
Dass Valentino Rossi der Größte ist, zweifelt natürlich auch Katrin nicht an. Deshalb wollte sie im Mini-Bike auch die berühmte Startnummer 46. „Aber die war besetzt, und ich muss sagen, es ist auch okay, dass ich sie nicht habe", sagt sie. „Die Ehre, die 46 zu haben, sollte man erst bekommen, wenn man etwas erreicht hat. Nun hat mein Bruder die 47 und ich die 48." Und das ist zweifelsohne auch nicht schlecht. „Denn nun nabe ich die Nummer von Jörge Lorenzo", sagt sie. Und der ist ihr eigentliches Vorbild: Er ist superschnell und sieht affengeil aus."
In mancher Hinsicht sind eben auch Motorradfahrerinnen ganz normale Teenager.